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Neuheiten

kicker Abpfiff / September 2010

Kolumne im kicker vom 06. September 2010

Im Laufe der letzten Jahre wurde der Fußball taktisch immer ausgeklügelter. Die Raumdeckung nahm immer mehr überhand. Deshalb wurde es immer schwieriger, ein Tor zu erzielen. Vor allem ein entscheidendes. Bis auf Werder Bremen gab es kaum ein Team, das eher 5-4 als 1-0 gewann. Oder lieber mal 3-7 verlor statt mit einem mageren 1-1 die Heimreise anzutreten. Und stur wie die Trainer einmal sind, will keiner zurück zum alten System mit Libero und Vorstopper. 
Logisch, gibt es doch auch keine Typen mehr à la Matthäus, die gerne vom eigenen zum gegnerischen Strafraum durch die Mitte marschieren. 
Oder wie seinerzeit Augenthaler auch mal aus 100 oder 120 Metern aufs Tor schießen, nachdem man den feindlichen Mittelstürmer vom Ball und ab und zu auch von diversen Knochen getrennt hatte.

Wenn das geordnete Auftreten der Teams jedoch zu wenig Torchancen generiert, steht die Attraktivität der gesamten Sportart auf dem Spiel. Das wiederum kann nicht im Sinne der Sportartikelhersteller sein, die auf das spektakuläre Auftreten ihrer Werbeträger angewiesen sind. Diese sind jedoch entweder verletzt (siehe Robben) oder verkauft (siehe Özil). Wenn der Spieler als Überraschungsmoment ausscheidet, bleibt nur der Ball übrig, um Unerwartetes zu vollbringen und die Fans vom Tribünenhocker zu reißen. Deshalb war es klug von der DFL, einen dreigestreiften Sportgiganten aus dem Fränkischen zu beauftragen, einen Ball zu entwerfen, der Woche für Woche die Liga zum Spektakel macht und wahnwitzige Ergebnisse garantiert. Und weil die Firma adidas gerne mit offenen Karten spielt, nannte sie den Ball auch gleich Torfabrik.

Aber der Ball sorgt nicht nur für viele Tore, sondern auch für kuriose Spielausgänge. Wer darauf gewettet hätte, dass Lautern oben steht und Gladbach in Leverkusen sechs Tore schießt, wäre längst vom Staatsanwalt besucht worden. Hannover hat nominal einen Drittligakader und gewinnt beim Meister der Schulden und Herzen. Hoffenheim verkauft seinen Star und ist auf Champions League-Kurs. Zumindest bis zum dritten Spieltag.

Der neue Ball funktioniert übrigens erfreulicherweise auch andersrum. 
Der FC Bayern zum Beispiel hat das Spiel auf dem Betzenberg weitestgehend dominiert, aber das Tor nicht getroffen. Während die Lauterer aus einer Chance zwei Tore machten. Mittels Torfabrik werden die Unterschiede in den Etats auf dem Feld nicht mehr so schnell sichtbar. Damit werden auch die letzten Verfechter der 50+1-Regelung aufhören, Investoren ins Boot holen zu wollen. Im Gegenteil: Der HSV schickte seinen Investor sogar wieder in die Schweizer Wüste. Da ist quasi 50-1 angesagt. Dank Torfabrik ist Fußball wieder mehr Sport und weniger Geschäft. Einmal mehr lautet die Erkenntnis: Fußball ohne Ball ist undenkbar.