Kolumnen

09.03.2012
Zapfenstreich à la Vuvuzela
Nachgetreten vom 09. März 2012

Deutschland hat mit dem Zapfenstreich einmal mehr bewiesen: Feste muss man feiern, wie sie fallen. So wie auch Bundespräsidenten fallen, wenn sie zu viel feiern. Nicht umsonst war im Vorfeld diskutiert worden, ob Zapfenstreiche überhaupt noch zeitgemäß seien. Von antiquiert-martialischem Säbelrasseln mit musikalischer Untermalung war mancherorts die Rede. Aber auch trotz großer Vorbehalte hat Wulff zu Recht an dieser Tradition festgehalten. Wer, wenn nicht ein scheidender Spitzenpolitiker, soll denn in dieser Republik einen Zapfen glaubwürdig streichen? Es war ohnehin die elitärste Feier dieser Art seit langem. Früher wurden da Hinz und Kunz eingeladen, als gäbe es kein Morgen. Alle Parteien durften ihre Topleute schicken. Die Ex-Bundespräsidenten schmissen sich in ihre besten Anzüge und ließen sich in der Limousine sponsored by Steuerzahler vorfahren. Am Zaun vor dem Schloss standen in stiller Andacht ein paar versprengte Monarchienostalgiker und ließen respekt- und dankbedingte Tränen kullern. Neutrale Beobachter kamen sich vor wie in einer Nachkriegsschmonzette im Schwarzweiß-Kino. Genau diese verkrusteten Strukturen und Abläufe wollte Wulff aufbrechen. Und er hat es auch souverän geschafft. Das begann schon bei der Liederauswahl. Over the rainbow hatte sich Christian Wulff ausgesucht (auf Deutsch: Einer flog übers Kuckucksnest). Da war gute Stimmung garantiert. Man sah diesen netten, leicht übergewichtigen Hawaiianer, der dieses Lied letztes Jahr nochmal weltbekannt gemacht hat, förmlich und höchstpersönlich mit seiner kleinen Ukulele auf einer Panzerhaubitze im Garten des Schloss Bellevue sitzen und trällern. Und weil eben sehr wenige Gäste da waren, gab es auch keine Sympathiedemonstrationen wie man sie beispielsweise aus Nordkorea kennt.

Angeblich wollte es Familie Wulff noch privater. Aber Frau Merkel bestand genauso angeblich darauf, unbedingt aufzutauchen und Solidarität zu bekunden. Dafür kamen erstaunlicherweise andere treuen Weggefährten nicht. Kein Groenewold, der seine Kreditkarte stets im Sinne der Familie Wulff eingesetzt hatte. Kein Maschmeyer, der die Familie Wulff auch ohne Kreditkarte stets im eigenen Sinne eingesetzt hatte. Die intellektuelle Elite hatte sich ebenso verkrochen. Wo war Verona Pooth? Wo war Lothar Matthäus? Wo war Daniela Katzenberger?
Hätte, gerade weil Wulff stets Transparenz und Offenheit anmahnte, nicht eine Micaela Schäfer die Laudatio auf Wulff halten müssen? Oder war sie womöglich inkognito (sprich: angezogen) unter den Festgästen?
Hätte nicht eine Delegation von Bayer Leverkusen die Nationalhymne singen müssen, wo doch der Werksklub am Tag zuvor Deutschlands Fußball so würdig vertreten hat in Barcelona? Als Bruder im Geiste war natürlich auch der griechische Finanzminister erwartet worden. Den Griechen wurde mit dem Schuldenerlass quasi die Absolution erteilt.
Und ähnliche Wirkung sollte ja auch der Zapfenstreich bei Wulffs erzielen. Frei nach dem Motto: Wer so einen bombastischen Zapfenstreich bekommt, kann ja nichts ausgefressen haben und hat auf alle Fälle eine zweite, wenn nicht gar vierte oder fünfte Chance verdient.

Ein besonderes Highlight und erstmals vertreten war das Musikbattailon mit den Vuvuzelas. Um einen musikalischen Kontrapunkt zu üblichen Humpftata der Bundeswehrmusikanten zu setzen, wurde diese integrationsfolkloristische Truppe bewusst außerhalb des Zaunes platziert. So wollte Wulff symbolisch darstellen, dass nicht nur er und seine Frau, sondern etliche ethnische Gruppierungen in Deutschland von der Teilhabe ausgeschlossen sind, sich aber trotzdem nicht der Lebensfreude berauben lassen wollen. Für manchen konservativen Zeitgenossen mag das vielleicht ein bisschen zu viel Multikultispektakel gewesen sein. Dem Ansehen Deutschlands in Europa mag das aber ebenso zuträglich sein wie das Ehrentor der Leverkusener beim Stande von 0:7. Damit hat Wulff ein markantes Zeichen gesetzt.
Nun wissen alle: Mit diesen Wulffs ist immer zu rechnen. Und zwar völlig unabhängig davon, wer die Rechnung bezahlt.

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