kicker WM-Sonderheft 2010
Kolumne im kicker WM-Sonderheft vom 21. Mai 2010
Es gibt Klischees, die keine sind, weil sie nämlich stimmen. So zum Beispiel bei der These, die deutsche Fußballnationalmannschaft sei eine Turniermannschaft. Wenn die WM erwiesenermaßen ein Turnier ist und Deutschland daran teilnehmen darf, kann man sich sämtliche diesbezüglichen Diskussionen schenken. Die Konzentration kann also voll auf die Vorfreude statt auf Mutmaßungen gerichtet werden. Und dass die WM für die DFB-Elf ein Erfolg wird, darf schlicht vorausgesetzt werden. Zudem sind die Vorzeichen durch die Bank positiv. So ließ der Bundestrainer vorab ein großes deutsches Nachrichtenmagazin wissen, dass er sich durchaus eine Weiterbeschäftigung über die WM hinaus vorstellen könnte, da er durch die geplatzten Vertragsverhandlungen und DFB-gesteuerten Indiskretionen mittelprächtig verärgert bis in höchstem Maße enttäuscht sei.
Mit so einer DFB-bedingten Wut im Bauch kann das Ziel in Südafrika nur der Titel sein. Und für die nötige Ruhe sorgt Jogi sowieso. Alle Problemherde hat er elegant beseite geschafft. Welch diplomatisches Geschick er dabei beweist, sieht man schon daran, dass er Kuranyi geräuschlos nach Moskau transferierte, ohne auf Provision zu pochen.
Zumal ja laut Kuranyi das Gesamtpaket den Ausschlag gab. Allerdings hat der gute Kevin zugegeben, dass im gesamten Paket eigentlich nur ein Haufen Geld war. Da nimmt man es auch in Kauf, die DFB-Spiele im TV zu sehen und ansonsten im russischen Ligaalltag den Verteidigern von Rotor Seitwärts Stalingrad das Leben schwer zu machen.
Und weil Löw nicht Lienen heißt, hat er das Heft in der Hand statt den Notizblock auf dem Schoß. Soll heißen: Er ist guter Dinge, weil die Vorarbeit nicht er machen musste. Den Boden für den WM-Erfolg im südafrikanischen Tiefwinter legte kein Geringerer als van Gaal.
Geschätzte siebzehn und gefühlte 31 Spieler hat der überfliegende Holländer seit November täglich besser und somit zu deutschen Nationalspielern gemacht. Seit dem Champions League-Halbfinalrückspiel in Lyon laufen im Geheimen sowieso schon längst Verhandlungen zwischen Rummenigge und Blatter, ob Deutschland nicht mit zwei Mannschaften auflaufen darf unter dem Namen Bayern I und Bayern II. Es ist schließlich davon auszugehen, dass van Gaals Boss Hermann Gerland noch zwei, drei Bayern-Amateure im WM-Kader unterzubringen gedenkt. Leider führen sich nämlich die Küken Müller und Badstuber schon auf wie Profis. Zumindest auf dem Platz. Und im Teilnehmerfeld werden sicher noch einige Plätze frei.
Zunächst war es allerdings nicht vorauszusehen, wie viele Mannschaften sich so in Kalamitäten verwickeln würden, dass sie bis zum Eröffnungsspiel gar nicht wissen, ob sie nun an den Start gehen oder nicht. Es werden schon Wetten angenommen, dass es nur drei Mannschaften ins Halbfinale schaffen. Rotlichtaffären, Blaulichtaffären über alles. Und wo kein buntes Licht, bleibt vieles im Dunklen. Bei den Engländern und Franzosen ist die ganze WM-Euphorie längst verpufft. Da herrscht bei diesen großen Fußballnationen eine Stimmung, die man hierzulande nur vom HSV kennt. Ist es da ein Zufall, wenn just HSV-Legende Uli Stein in Podolski den faulsten Fußballer des Erdenrundes erkannt haben will? Aber weil Poldi schon immer die intellektuelle Speerspitze des DFB war, fragte er nur spitzfindig, ob Stein nicht dereinst den Kaiser einen Suppenkasper genannt hatte und deshalb vorzeitig von der WM´86 heimgeschickt wurde. Und zwar ohne Spiel! Das kann sich Poldi auch erlauben. Denn solange der Trainer Löw heißt, wird Podolski Stammspieler bleiben.
Das ist auch in Ordnung. Zu ernst sollte man so eine WM nämlich auch nicht nehmen.

