kicker Bundesliga-Sonderheft
Kolumne im kicker Sonderheft zum Bundesliga-Start vom 29. Juli 2010
Wie vor jeder Saison verneigen sich siebzehn Erstligisten vor dem großen Favoriten. Bei den üblichen Umfragen unter den Vereinen tippt jeder auf einen Meister Bayern München. Wenn aber mal das erste Unentschieden die von allen erwartete makellose Bilanz trübt, kommen die üblichen Sprüche: Beim FC Bayern spielen auch nur Menschen und keine Maschinen. Oder noch beliebter: Auch die Münchner kochen nur mit Wasser. Oder vor Wut, weil wieder mal keine vernünftige Vorbereitung möglich war. Es scheint überhaupt eine Wettbewerbsverzerrung sonders gleichen stattzufinden, wenn eine EM oder WM die Sommerpause unterbrochen hat. Klar im Nachteil sind alle Mannschaften, die viele Nationalspieler abstellen. Der Trainingsauftakt gerät zur Farce. Da müssen teilweise die Zeugwarte und Kiebitze mitmachen, um zu sechst wenigstens vier gegen vier zu spielen. Und wenn dann die Herren Leistungsträger zwei Tage vor dem Ligaauftakt sich endlich mal auf das Vereinsgelände bequemen, sind sie entweder nicht erholt, weil sie sich vorbereitet haben. Oder müssen erst eimerweise Laktat reinschaufeln, damit der gleichnamige Wert wieder halbwegs präsentabel ist. Weil sie sich nämlich erholt haben.
Die Vereinsoberen haben in den Sommermonaten traditionell eher wenig bis gar keine Ruhe. Es geht schließlich darum, das Fundament für eine erfolgreiche Saison zu legen. Keiner will absteigen. Die Hälfte der Liga will international spielen. Ein Drittel hat in der untersten Schublade den Geheimplan zur Meisterschaft. Lediglich die Bayern suchen sie sich erst gar keine Schublade. Es werden also grob geschätzt 15 Klubs scheitern. Interessant wird sein, welche Philosophie sich durchsetzen wird. Besonders kühn erscheint das Vorgehen des HSV. Ein Milliardär wurde ins Boot geholt, damit frisches Geld reinkommt. Dafür soll er am Weiterverkauf diverser Topstars partizipieren. Der Gönner betont aber dauernd, dass er sowieso nicht mit Rückflüssen rechne. Für ihn sind also selbst die Kracher des HSV Ladenhüter. Von denen hat Schalke auch etliche. Darum hat Coach Magath allen Spielern die Freigabe erteilt, weil er mehr oder weniger das B-Team von Real Madrid auflaufen lassen will. Metzelder und Rául sind nur der Anfang. Nach ihrer Leistungsexplosion bei der WM dürften sich auch Kaká und Ronaldo bald in Gelsenkirchen wiederfinden. Die Idee ist simpel: Weil Magath kein Geld ausgeben darf, kauft er nur da ein, wo es als Dreingabe auch noch einen Haufen Geld gibt.
Wesentlich angenehmer haben es in dieser Hinsicht Leverkusen und Wolfsburg. Steht in den Werksvereinen ein Hammertransfer an, müssen lediglich die Südamerikaner ein paar Tabletten mehr schlucken oder die Chinesen ein paar Autos mehr kaufen. Weil die Südamerikaner scheinbar den Konsum schneller beschleunigten als die Chinesen, ging Ballack eben nach Leverkusen. Ihm ist es sowieso egal, mit wem er Meister wird. Er will nur spielen und gesund bleiben. Meister will auch Werder werden, hat aber weder Bayer noch VW als nicht versiegende Refinanzierungsquelle. Daher schreckt man an der Weser auch vor ganz perfiden Methoden nicht zurück. Dort weigert sich Allofs beharrlich, auf Pump einkaufen zu gehen! Was bitte hat das noch mit modernem Fußball zu tun? Der Werder-Manager sollte schleunigst einen Abendkurs bei Chelsea oder Manchester City buchen. Sollte ein Verein, der nicht Bayern München heißt, mit Eigenmitteln Meister werden, wäre das ein Offenbarungseid. Dann wäre nämlich klar: Richtiges Training und Professionalität sind womöglich wichtiger als Geld. Wer also nach Höherem strebt, muss nicht nach neuen Krediten Ausschau halten. Meist reicht ein Eimer Laktat.

