kicker Abpfiff / Mai 2010
Kolumne im kicker vom 03. Mai 2010
Wer hätte im Winter erwartet, dass Inter Mailand das Finale gegen den FC Bayern erreicht? Irgendwie hat es sich Inter auch verdient. Wer innerhalb der letzten acht Jahre 391 Transfers mit Gesamtvolumen 4,7 Milliarden tätigt, soll schließlich auch irgendwie mal in ein Endspiel kommen. Aber insgesamt verschieben sich natürlich die Machtverhältnisse eindeutig zu Gunsten von Fußballdeutschland. Ein Lucio allein kann ja nicht den ganzen italienischen Fußball retten. Da hilft es Lucio auch nichts, dass er nicht mal Italiener ist.
Die Fachwelt ist aber vor allem vom HSV beeindruckt. Was dieser Verein in dieser Saison geschafft hat, ist einmalig in der Sporthistorie. Da fährt die Mannschaft ohne Trainer nach Fulham. Und statt sang- und klanglos unterzugehen, geht sie durch Petric früh in Führung. Um dann mit Sang und Klang zu verlieren. Petric ist übrigens die Bezeichnung für einen Spieler, der bei einem wichtigen Auswärtsspiel auf europäischer Ebene ein wichtiges Tor erzielt. Die Steigerung von Petric heißt Olic. So nennt man die Spieler mit zwei Toren aufwärts unter gleichen Umständen. Einen Olic ließ der HSV übrigens nach dem Ende der letzten Saison gehen. Denn niemand in Hamburg erwartete, dass mal ein Europa League-Halbfinale inklusive Auswärtsspiel anstehen würde. Um so eine Situation zu vermeiden, hatte man sogar extra einen Hinrundentrainer engagiert. Und zwar gleich den Allerbesten dieser seltenen Spezies. Labbadia ist sogar der Triple-König unter den Hinrundenexperten. Seine Hinrunden mit Fürth, Leverkusen und HSV sind legendär. So schaffte es Triple-Bruno zu einem der Bestbezahlten seiner Zunft. So einer hat auch immer eine rosige Zukunft. Vereine wie Bochum, Freiburg oder Hannover dürften jetzt schon Schlange stehen bei Labbadia. Denn mit ihm schafft jeder Verein in der Hinrunde die nötigen 34 Punkte, um in der Rückrunde sorgenfrei dem Nichtabstieg entgegen gehen zu können. Gerade für Vereine, die ganz genau kalkulieren müssen, ist es sowieso ratsam, sich in der Rückrunde keine Trainerkosten aufzuhalsen.
Was die Sache für den HSV nicht einfach macht: Der Markt für Rückrundentrainer ist am Boden. Die Angebotsseite tendiert gegen null.
Verheerend für die Psyche der HSV-Offensive war natürlich das Gerücht, Jogi Löw stünde als nächster Trainer parat. Welcher Stürmer trifft denn schon gerne, wenn er weiß, dass Löw eine klammheimliche Abneigung hat gegen effektive Angreifer wie Kuranyi und Kießling? Je öfter die beiden treffen, umso geringer die Chance, bei der WM dabei zu sein.
Hätte HSV-Boss schon im Februar die Löw-Geschichte für absurd erklärt, würde der HSV eventuell ganz vorne stehen. Und sein Petric wäre längst ein Olic.

