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kicker Abpfiff / Juni 2010

Kolumne im kicker vom 07. Juni 2010

Sensation: Noch vor WM-Beginn hat Deutschland seinen endgültigen Kader präsentiert! Damit hat eigentlich keiner mehr gerechnet. Aber mit der Zauderei hat sich der Bundestrainer nicht als Merkel-Double profilieren wollen. Ihm ging es nur darum, dem Verletzungspech ein Schnippchen zu schlagen. Und das ist ihm durchaus gelungen, wie auch der letzte Test gegen Bosnien und Herzegowina bewiesen hat. Alle Spieler verließen den Rasen lebendig und unverletzt. Allein schon die Tatsache, gleich gegen zwei Länder auf einmal anzutreten, beweist die herausragende Fitness der gesamten Truppe. Und die Balkan-Kicker sind beileibe keine Drittligisten wie die Ungarn. Wenn es die Zeit erlaubt, läuft sogar ein Bundesligastar wie Misimovic für Bosnien auf. Und selbst ein Torjäger wie Dzeko soll schon bei Herzegowina gesichtet worden sein.

Die Kaderzusammenstellung ist eine heikle Angelegenheit. Es geht nicht darum, die besten Spieler zu nominieren. Sondern die zu finden, die am besten miteinander harmonieren. Zwecks perfekter Balance müssen alle Sparten vertreten sein: Inländer und Ausländer. Laute und Leise. Bayern-Spieler und Nicht-Bayern-Spieler. Und vor allem natürlich Gute und Schlechte. Als Sonderwertung neu hinzu gekommen: Boatengs und Nicht-Boatengs. Wobei hier gleich klar gestellt werden soll: Der deutsche Boateng hat einen Eid auf die deutsche Verfassung abgelegt. Damit sollte er nicht im Verdacht stehen, ähnlich wie sein Bruder anästhesiefreie Amputationsversuche am Gegenspieler zu unternehmen. 
Vielleicht wird er sogar vor Anpfiff des Spiels gegen Ghana seinen Bruder und Ballack-Crashtester Kevin-Prince die Genfer Konventionen aufsagen lassen. Nichts desto trotz wird Löw gut daran tun im Spiel gegen Ghana, im Dunstkreis von Khedira und Schweinsteiger ein paar GSG 9-Leute zu positionieren. Wäre ja doch sehr unangenehm, im Achtelfinale statt mit einer Doppelsechs mit einer Nullnullsechs auflaufen zu müssen.

Die Ausgewogenheit gibt Anlass zu Hoffnung. Die Hälfte des Kaders besteht aus Spielern mit Migrationshintergrund. Pech hatte am Schluss nur der Kollege Beck. Der wurde heimgeschickt, weil er in gar kein Raster mehr passte. Ein bisschen Nationalspieler, ein bisschen Saisonverlierer. Ein bisschen Russe, ein bisschen Deutscher. Ein bisschen Hoffenheim, ein bisschen mental im passiven Abseits. Das ist beileibe nicht das Holz, aus dem Weltmeister geschnitzt werden. Und für die Schnitzer sind sowieso andere zuständig. Nicht wie branchenüblich die Defensive, sondern diesmal ausnahmsweise die Offensive. Allen voran natürlich Klose. Er will sich bei der WM steigern. Und um das zu garantieren, hat er in den Testspielen die Messlatte so tief gelegt, dass Gomez drüber stolpern kann.