kicker Abpfiff / Juli 2010
Kolumne im kicker vom 05.Juli 2010
Eigentlich war das Viertelfinale für Deutschland schon lange vor dem Anpfiff schiefgelaufen. Schließlich hatte sich die Bundeskanzlerin angekündigt. Und wo Frau Merkel auftaucht, ist die Pleite normalerweise vorprogrammiert. Nicht umsonst empfahlen sowohl Fußfallfreunde als auch der Bund der Steuerzahler, sie möge bitteschön erst zum Finale auftauchen. Aber unabhängig vom Finalausgang ist die deutsche Mannschaft sowieso der Gewinner dieses Turniers. Lahm hatte tatsächlich recht, als er zu Beginn der WM leicht umständlich erklärte, dass dieses Team das beste sei von allen, in denen er in der Nationalmannschaft spielte, die im Auftrag des Fußballverbandes die Farben einer Nation vertrat, die in Deutschland beheimatet ist. Soll
heißen: Die DFB-Elf ist eine Mannschaft, die dadurch besser wird, weil die Spieler besser werden, wenn sie in der Mannschaft sind, die aus immer besser werdenden Spielern besteht. Ein positiver Teufelskreis sozusagen, der sich aus der Kraft der Autosuggestion speist. Klose und Friedrich redeten sich so lange ein, Führungsspieler zu sein, bis sie es waren. Wer in der Bundesliga nur eine Randerscheinung ist, kann international trotzdem eine große Nummer sein und gegen Argentinien Tore schießen.
Ein weiteres Merkmal der euphoriegetragenen DFB-Strukturen ist der totale Verzicht auf Verlierer. Deshalb muss man sich auch keine Sorgen um die Zukunft von Mario Gomez machen. Er weiß, dass er nur gut ist, wenn er von Anfang an spielt. Gomez ist genauso gut wie die anderen Stürmer. Das ist keine Einbildung, sondern eine Tatsache. Er hat es schließlich selber gesagt. Umso sympathischer von ihm, dass er nicht aufbegehrt, sondern in Gedanken schon im Urlaub weilt. Mit dieser Mentalität wäre er zwar strategisch überflüssig, aber atmosphärisch sicher eine Option für die Startelf gegen Argentinien gewesen. Die Stimmung war nämlich unnötig negativ aufgeladen. Schweinsteiger verstieg sich zu einer Wortwahl, die ihn nicht gerade als Honorarkonsul von Argentinien outete. Für das Mittelfeldass sind Argentinier nur ein Volk von Fußballschurken. Und der Rest der Nation setzt sich im Stadion auf die falschen Plätze. Der Argentinier an sich ist quasi eine Mischung aus Rowdytum und Orientierungslosigkeit.
Angesichts des glatten 4-0 muss festgestellt werden: Die Präsenz der Kanzlerin war sinnvoll, weil Inspiration pur für Messi & Co.
Beeindruckend, mit welcher Leichtigkeit die Gauchos in ihrer Kopflosigkeit die Bundesregierung maßstabsgetreu kopierten. Seit Samstag weiß die Fußballwelt:
Blauweiß kann jederzeit schwarzgelb sein. Das Finale kann kommen. Egal ob mit oder ohne Gegner.

