kicker Abpfiff / Februar 2010
Kolumne im kicker vom 01. Februar 2010
Stell dir vor, es ist WM und keiner geht hin! Unmöglich? Tja, diese Angst geht gerade bei der FIFA um. Dabei deuteten alle Vorzeichen darauf hin, dass das Turnier zum größten Sportereignis aller Zeiten wird. Welcher normale Europäer will denn nicht Südafrika im Winter erleben? Im dicken Daunenmantel gemütlich im Stadion sitzen, während ganz Europa vor Hitze bibbert - das ist eigentlich das reinste Fußballvergnügen. Mit ein bisschen Glück verwandelt der Winterregen die Stadien sogar in einen riesigen Pool, in dem die Stürmer schon gut schwimmen können müssen, falls sie mal in den Strafraum möchten. Zumal auch die Hotels sicherheitshalber ihre Preise vervier- bis -achtfachen, weil es ja schließlich außerhalb der Urlaubssaison ist und somit ein kleiner Aufschlag die Langeweile der Hoteliers ausgleichen soll. Und wer träumt nicht davon, für einen Inlandsflug von Johannesburg nach Kapstadt so viel zu zahlen wie für ein Business Class Ticket von München nach Shanghai?
Der DFB ist verwundert über die eigentlich gar nicht vorhandene Nachfrage aus Deutschland. Ungefähr 10 Prozent des Ticketkontingentes sind erst an den Fan gebracht. Anders formuliert: Ein Freundschaftsspiel Wattenscheid II gegen Garmisch-Partenkirchen I würde wesentlich mehr deutsche Anhänger anziehen. Woran mag das liegen? An den Worten von Ballack? Der Kapitän hatte unlängst die Fußballwelt wissen lassen, dass die Erwartungen gegenüber der deutschen Mannschaft nicht allzu hoch angesetzt werden sollten.
Schließlich gäbe es ein bis drei Dutzend Mannschaften, die personell besser aufgestellt seien. Welcher Freak würde auf so einen Kommentar hin sofort das Reisebüro seines Vertrauens stürmen und sich ein Paket kaufen, das alle DFB-Gruppenspiele beinhaltet und zwei Durchschnittsjahresgehälter kostet?
Bei etlichen Reisewilligen hat eventuell die Ehefrau ihr Veto eingelegt. Die Sicherheitsdiskussion ist ja schließlich auch nicht gerade eine Marketingmaßnahme. Da mag die Frau zum Mann sagen: Wenn du dich schon unbedingt in Lebensgefahr begeben willst, musst du dafür nicht auch noch die Familie in finanzielle Schieflage bringen.
Angeblich soll Südafrika mindestens so gefährlich sein wie die Schweiz oder Norwegen. Wer sich also zwischen 0 und 24 Uhr draußen auf der Straße bewegt, gilt quasi als notorisch lebensmüde. Darauf hat auch Uli Hoeneß auf seine betont diplomatische Art hingewiesen. Vom größten Fehler, den FIFA-Chef Blatter jemals gemacht hat, ist die Rede.
Beckenbauer wiederum entgegnete, dass es totale Sicherheit auch bei der WM 2006 in Deutschland nicht gegeben hätte. Sein Beweis: Nicht Deutschland, sondern Italien wurde Weltmeister. Also die Nation, die vom Schutzgeld lebt.

