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kicker Abpfiff / April 2010

Kolumne im kicker vom 03. April 2010

Wenn Jogi Löw die Viertelfinalhinspiele in der Champions League verfolgt hat, hat er womöglich seinen Wunschsturm für die WM gefunden:
Olic/Ibrahimovic! Das wird sich natürlich schlecht realisieren lassen.
Aber auch ein Löw wird ja noch träumen dürfen in der Endphase seiner DFB-Zeit. Glück hat er derzeit jedoch mit seinem Adjutanten und Verhandlungsführer Bierhoff. Deutschlands beliebteste Ich-AG lässt in den wichtigen Wochen vor der WM seine üblichen persönlichen Gewinnmaximierungsattacken bleiben. Diese Vernunft geht selbstredend einher mit der Einsicht, dass seine Zukunft beim DFB in etwa so rosig ist wie die von Preetz bei Hertha BSC.

Leider kann die Selbstvermarktungsfönwelle seinem Mandanten Löw nicht bei der wichtigsten Angelegenheit beistehen: Bei der Zusammenstellung des endgültigen WM-Kaders. Diesmal geht es nicht nur um Fitnesswerte und Torquoten, sondern auch um Schuld und Sühne. Mit diesen Kategorien kann Bierhoff relativ wenig anfangen, wenn nicht gleichzeitig ein Scheck oder eine Provisionsvereinbarung im Spiel ist. Und so muss sich Löw nun auf einen beschwerlichen Weg begeben. Ein bisschen Jakobsweg, ein bisschen Gang nach Canossa, ein bisschen alle Wege nach Rom beziehungsweise nach Kapstadt.

Die Architektur eines WM-Kaders ist eine heikle Sache. Dazu bedarf es auch einiger Quotenspieler, bei denen der Leistungsgedanke völlig in den Hintergrund tritt. Arne Friedrichs Nominierung mag bei sämtlichen Experten Kopfschütteln verursachen. Da die Nationalmannschaft jedoch Deutschland repräsentiert, darf ein Hauptstadtvertreter nicht fehlen.
Nur deshalb hat Friedrich sämtlichen Angeboten aus dem Ausland widerstanden. Ihm war klar: Geht er weg aus Berlin, müsste er sich über Leistung qualifizieren. Im neuen Verein und in der Nationalelf.
Und das bedeutet dann doch wieder einen Haufen Arbeit und Sonderschichten.

Aber da eine WM keine reine Diplomatenveranstaltung ist, braucht Löw einen echten Torjäger. Und der kann laut Beckenbauer und Friedrich nur Kuranyi heißen. Wenn ein Ex-Fußballer und ein Berliner dafür plädieren, scheint die Sache sportlich wie gesellschaftlich in Ordnung zu gehen. Selbstverständlich hat sich Kuranyi daneben benommen seinerzeit. Er hat sich irgendwann entschuldigt und auf die Arbeit gestürzt. Eventuell wird er Meister und Torschützenkönig. Sehr eventuell sogar. Für einen Spieler mit Migrationshintergrund benimmt er sich vorbildlich. Er demoliert weder besoffen noch nüchtern Autos.
Das mag vor allem Friedrich beeindrucken, der ja von Hertha-Kollegen einiges gewohnt ist.

Sollte Löw ihn trotzdem nicht mitnehmen, will Jogi nur den eigenen Abgang sicher stellen. Wäre wesentlich eleganter als trotz Erfolg zu kündigen. Und Eleganz war schon immer Löws Stärke.