MV - der Iron des DFB
Kolumne vom 27.10. in der Abendzeitung München
Jetzt, wo wir sehen, daß das Zitieren auch zum Aufdecken von Skandalen und Mißständen nützlich sein kein, will ich mich auch nicht länger zurückhalten. Z.B. sagte Uli Hoeneß mal: „Er ist mein Liebling geworden. Eine echte Persönlichkeit, ein richtiger Staatsmann."Tja, damit meinte der gute Uli nicht Herrn Mayer-Vorfelder, sondern Rudi Völler. MV war bis letzte Woche designierter DFB-Boss, jetzt ist er bestenfalls resigniert. Wenn jetzt alle sagen, daß seine beste Zeit vorbei ist, muß man sich fragen, wann denn diese war. Und genau genommen hatte MV in sehr prekären Situationen seines Lebens seltsamerweise nie Ahnung von irgendwelchen Ungeheuerlichkeiten. Ob das allein schon ein Argument dafür ist, DFB-Präsident werden zu wollen sei mal dahingestellt. Aber was auf alle Fälle für MV spricht: Er ist ein Vollblut-Sportler. Eigentlich ein echter Hammer, um nicht zu sagen die CDU-Version des Iron Man. MV hat nämlich tatsächlich elfmal (in Worten:11!) das Deutsche Sportabzeichen in Gold gemacht. Und das, ohne je gedopt gewesen zu sein. Jedenfalls wurde er nie getestet. Und blasen muß man ja nur im Straßenverkehr. Seine Liebe zum deutschen Sport im Allgemeinen und zum Deutschen im Besonderen dokumentiert auch der Mädchenname seiner Frau. Sie heißt nämlich allen Ernstes Deutschle, was wieder gut ins Schwäbische paßt. So gesehen ist er beim DFB gut aufgehoben. Wie sehr international wert auf MV gelegt wird, zeigt dessen Wahl in das UEFA-Exekutivkomitee, nachdem das Komitee weitgehend entmachtet wurde. Und auch beim VfB leistete er Aufbauhilfe Ost(-block), wo er Balakov sehr leistungsgerecht bezahlt. Er bezeichnet sich als „nicht angepaßten Konservativen", was er durch seine brutalsmöglichst aufklärende Rolle beim Steuerskandal der Familie Graf bewies. Und wenn MV was nicht leiden kann, dann ist es Mißmanagement. Apropos Mißmanagement: In den letzten Jahren setzte er im VfB-Management ein paar Pappkameraden ein, damit er die Spieler selber verpflichten konnte. Darf man sich da wundern, daß der VfB seit langem mit einer Entschlossenheit auf dem Platz steht, wogegen ein badischer Hühnerhaufen wie eine geschlossene Phalanx aussieht? Natürlich sind sich viele sicher, daß MV bald weg vom DFB-Fenster ist. Aber man kann ihn ja nicht mit einer Tüte Koks nach Miami schicken, denn dort gibt es keinen Trollinger. Er braucht einen Posten, der seinem Charakter entspricht. Das hat man ja auch mit Völler und Skibbe gemacht. Völler kümmert sich um Deutschlands Fußball-Zukunft, Skibbe verteilt Leibchen und sammelt Bälle ein. Und was soll MV machen? Er könnte natürlich neuer CDU-Schatzmeister werden. Oder er gibt Kurse wie „Rhetorisch überzeugen wider besseres Wissen jenseits der Zwei-Promille-Grenze". Oder aber er wird einfach stillgelegt. Denn im Gegensatz zu den Autos aus dem Schwabenland ist MV leider nicht immer schadstoffarm...
[ 29.10.2000]

