Fall Effenberg - so war´s wirklich!
Kolumne aus der Abendzeitung
In den letzten Tagen wurden immer mehr Stimmen laut, die mit Hinweis auf Effenberg meinten, Hoeneß sollte doch bitte schön vor der eigenen Haustür kehren, bevor er Herrn Daum zitiert. Jetzt mache ich mal wasRiskantes: Ich zitiere auch. Und dann dürfen wir gespannt sein, ob der Rest der Nation auf mich einstürmt. Ich sage jetzt einfach: "Wir leben alle unter dem gleichen Himmel, aber wir haben nicht alle den gleichen Horizont." Ich sage jetzt nicht, daß dieser Spruch von Adenauer stammt. Oder ich sage: "Wenn das stimmt, was der Adenauer gesagt hat, von Himmel und Horizont und so, dann muß die Frage nach einem Kanzler neu gestellt werden." Ich bin ja kein Rezitator, sondern Kabarettist. Und - was ganz wenige Auserwählte wissen - nebenbei noch Aushilfskellner in einer Münchner Szene-Lokalität, in der - wenn man echten und gekauften Zeugen glauben darf - auch Fußballer verkehren, wenn sie sich ab und zu von Selbstdarstellerinnen á la Giulia Siegel berieseln lassen wollen. Justament an jenem Tag, als Familie Effenberg dort das letzte Mal war, hatte ich auch wieder Dienst. Es war ein Abend wie viele zuvor. Es wurden ein paar Magnum-Flaschen Apfelschorle gekippt, die Stimmung war prächtig, und ab und zu blickte Rekonvaleszent Effe auf die Uhr, da er nicht zu spät ins Bett wollte, um seine Genesung nicht zu behindern. Nebenbei ließ er den Laktatwert seines Milchshakes messen und rief Uli Hoeneß an. Sie plauderten über Dehnübungen, Aktienkurse und über die Nachteile von diversen Schnupfereien. Plötzlich näherte sich eine Frau, musterte ihn von oben nach unten und meinte schnippisch: "So wie Du aussiehst, telefonierst Du bestimmt mit VIAG Interkom und fährst Opel." Und in diesem Moment bewies Effenberg menschliche Größe. Während jeder andere sofort zugeschlagen hätte aufgrund dieser Beleidigung, nahm sich der Freund der Sonne zurück und zitierte Jean Paul: "Die höchste Krone des Helden ist die Besonnenheit mitten in Stürmen der Gegenwart." Die Frau war sichtlich erschlagen von dieser edlen Haltung, schaute drein wie Jenny Elvers beim Versuch, einen verschachtelten Satz zu verstehen, und ging des Weges. Es war ihr anzusehen, daß sie ein Problem damit hatte, einem weltgewandten Vorzeige-Fußballer rhetorisch und moralisch unterlegen zu sein. Eine gewisse Zornesröte stieg in ihrem erstaunten Gesicht auf, nach und nach bekam sie diesen Mario-Basler-Pizzeria-Blick, sie zog ihr Prepaid-E-Plus-Handy wie John Wayne den Colt, rief ihren Anwalt an, der ihr den entscheidenden Tip gab: "Kipp ihm Apfelschorle ins Gesicht und spring ihm in die Faust, sobald ein Photograph in der Nähe ist!" Jetzt war aber kein Photograph in der Nähe, weshalb auch Giulia Siegel nicht anwesend war. In seiner Weitsicht erkannte Effe die Brisanz des Momentes und fragte kurz seine hübsche Frau, die aufgrund ihrer angenehmen Art gegenüber Obdachlosen und Treue gegenüber ihrem Mann unangreifbar wie immer war, ob denn die Unbekannte kurz an ihrem Tisch Platz nehmen darf, damit sie sich wieder beruhigt. Und gerade als die Dame an den Tisch kam, und Effenberg aufstand, um der Dame einen Stuhl anzubieten, überkam die Fremde ein Gefühl der Dankbarkeit aufgrund der unverdienten Güte, die ihr gerade widerfuhr. Sie warf sich an Effes Hals, er wollte mittels Handeinsatz die Distanz wahren - mehr war da nicht. Sie sagte sogar noch... Nein, ich zitiere sie nicht. Denn was passieren kann, wenn man Lebende zitiert, erleben wir gerade an einem fußballbegeisterten Wurstfabrikanten...
[erschienen in der AZ, 18.10.2000]

