Die Wahrheit über Olympia
Kolumne aus der Abendzeitung vom 15.09.2000
Franz Beckenbauer wurde nie Olympiasieger. So gesehen könnten wir das Thema abhaken und zur Tagesordnung übergehen, weil ein Wettbewerb, den Beckenbauer nicht gewonnen hat, kein Wettbewerb sein kann. Aber irgendwas hat sich ja der Grieche dabei gedacht, als er in der Antike diesen ganzen Zinnober ins Dasein gerufen hat. Andererseits ist die These, daß es sich dabei nur um einen riesigen Bluff handelt, nicht von der Hand zu weisen. Denn schließlich sind die Griechen erwiesenermaßen das dickste Volk Europas. Das habe ich zumindest letzte Woche in der AZ gelesen. Was steckt also hinter diesem Mythos Olympia? Wer hat ihn initiiert, wer hat was davon, und warum ist Olympia dieses Jahr zu einer Uhrzeit, wo die westliche Zivilisation schläft? Fragen über Fragen, und ich bin mir sicher, daß wir zu keinen vernünftigen Antworten kommen werden... Was schon mal ganz gewaltig irritiert: Olympia ist alle vier Jahre woanders und hat somit eine Kontinuität in Standortfragen, die wir sonst nur von rot-grünen Zukunftsvergewaltigern kennen. So eine Mobilität zeichnet eher kriminelle Elemente aus, und damit wären wir beim IOC angelangt. Der IOC ist der bewaffnete Flügel der Mafia und unterscheidet sich von ihr eigentlich nur dadurch, daß beim IOC die Ehre da aufhört, wo das Geld zu fließen beginnt. Der Ursprung des olympischen Gedankens ist aber nicht Sizilien, sondern Griechenland, genauer gesagt der Peloponnes, und der Chef der Produktionsfirma damals war Zeus, seines Zeichens eine Gottheit, und nicht Samaranch, der sich für Gott hält. Jetzt mag man angesichts der scheinheiligen Faltigkeit des Herrn Samaranch darüber streiten, ob er wesentlich jünger ist als Zeus, aber wenn man sich die damalige Kultstätte Olympia vergegenwärtigt, weiß man schon mal, daß sich Zeus damals schon Gedanken um die Mitglieder des IOC gemacht hat. Zugegeben, Zeus bekam keine Konzession für ein Bordell, darauf mußten die Herren bis ins 20. Jahrhundert warten. Aber es gab in Olympia römische Thermen mit entsprechendem Personal, um das Komitee positiv zu stimmen. Dort konnte man auch Schatzhäuser vorfinden. "Wofür?", mag man sich fragen, da die Athleten ja für lau antreten. Und schon landen wir wieder beim IOC. Daß man als leicht ergrauter Herr in den angeblich besten Jahren sich an seltsamen Quellen bereichert, kennen wir durch Namen wie Kohl oder Koch zu genüge, aber es muß doch noch einen plausiblen Grund dafür geben, daß man all die Sportler bemüht, sich vier Jahre lang auf dieses Ereignis vorzubereiten, und dann mit sage und schreibe 50 Kondomen pro Nase in einem Ghetto namens Olympiadorf einpfercht. Erinnert ein bißchen an Big Brother: Man nehme junge Menschen, die es nicht allzu weit gebracht haben im Leben, sperrt sie ein und lächelt darüber. Also gut, ich gebe es zu: Ich war dort. Ja, ich habe mich eingenistet im Olympischen Dorf und wollte diese unbeschreibliche, weil nicht vorhandene Atmosphäre einatmen. Dafür war mir die lange Reise nach Australien nicht zu weit. Zunächst fiel mir auf: Wenn man die Ästhetik der meisten Athletinnen begutachtet, verflüchtigt sich das Testosteron automatisch, und das Verteilen der Kondome erscheint einem eher wie ein sinnloses Ritual australischer Ureinwohner denn eine womöglich lebensrettende Maßnahme. Wobei natürlich dem Veranstalter auch weise Voraussicht unterstellt werden darf, wenn er mit aller Gewalt verhindern will, daß sich Athletinnen, die in der Regel optisch und charismatisch eher an Axel Schulz erinnern denn an grazile Wesen, womöglich noch fortpflanzen. Womit wir natürlich leider bei einer unausweichlichen Frage angekommen wären: Warum sehen Frauen bei Olympia nicht aus wie Frauen? Man könnte antworten: Weil Radfahrer nicht ganz dicht und ohne Doping aufgeschmissen sind. Das mag im Ansatz verwirrend sein, aber per Dreisatz käme man auf eine realistische, wenn auch befremdende Formel. Nämlich: Solange Radfahrer nicht ganz dicht sind und Athletinnen nicht aussehen wie Frauen, wird es die Olympischen Spiele geben. Und solange IOC-Oberhäuptling Samaranch lebt, ist General Franco nicht tot. Könnte man zumindest angesichts der fernab von Demokratie liegenden Praktiken dieser beider Herren behaupten. Wenn man in Betracht zieht, wieviele Stipendien, Goldbarren und Kamele den Besitzer wechseln, bis eine Olympiade vergeben ist, darf man natürlich auch fragen, ob es Sinn macht, gedopte Sportler zu bestrafen, solange bestechliche Funktionäre nicht aus dem Verkehr gezogen werden. Als mitdenkende Menschen wissen wir natürlich, daß die Dämlichkeit nicht im Doping besteht, sondern im Tatbestand des Sich-Erwischen-Lassens. Der kluge Doper nimmt kein EPO mehr, sondern HSH, eine Art "Du darfst"-Variante. Ob das gesünder ist, sei mal dahingestellt. Fakt ist jedoch, daß man sich mit der Nachweisbarkeit von HSH Zeit läßt, bis die Spiele in Sydney vorbei sind. Sonst kann man den Laden gleich dicht machen. Und das wäre schade, wo doch Radfunktionären zufolge sogar der Radsport wieder auf dem Weg der Besserung sei, weil nur noch 45% der Dopingproben positiv wären. Natürlich habe ich mich gefragt, warum es im Jahre 2000 gerade Sydney sein mußte als Schauplatz für die neuesten Entwicklungen aus dem Reich der Mutanten und Manipulationen. Denn Marlboro zielt mit "Ich rauche wie ich bin"-Almsick als Werbeträgerin sicherlich eher auf den deutschen Markt, und ähnliches Anliegen dürfte Dentagard mit Herrn Baumann haben. Warum also Australien? Im Gespräch mit einem Känguruh in einem Sydneyer Hofbräuhaus erzählte mir jenes Vieh, daß es für seine Artgenossen an der Zeit wäre, auch mal Gold im Weitsprung zu holen, was aber im Ausland unmöglich sei, da Känguruhs kein Visum bekämen. Im eigenen Land aber wären sie frei von jeglichen Dopingkontrollen. Und außerdem seien sie interessiert an Sportlerinnen, die aussehen wie eine Mischung aus Naddel und Ben Johnson und auch noch ähnliche Intelligenzwerte aufweisen. Aber was hat der Deutsche in Deutschland davon? Der ist ja froh, wenn er nix von Naddel mitkriegt. Doch Olympia beginnt täglich in Sydney, wenn es in good old Germany sehr nächtlich wird. Warum? Weil es den Deutschen an sich ja gar nicht interessiert, ob irgendwo in Australien Känguruhs oder andere ähnliche Kreaturen Medaillen gewinnen, während Champions League und Bundesliga die Sportlerseele auf Trab halten. Körper und Geist sind durchaus in der Lage zu selektieren, was denn ernsthafter Sport ist oder nur ein aufgeblähter PR-Gag von Nike und Coca Cola in Kooperation mit einer weltweit ver- und zerstreuten, leicht senilen Funktionärsriege. Oder ist es etwa Zufall, daß just vor Olympia die Schultersehne von Milchschnittenmassaker Anke Huber reißt? Warum entlockt Olympia nur ein müdes Lächeln beim sonst so strahlenden Herrn Kirch? Ganz einfach: Eine vernünftige Motivation ist nur da, wo vernünftiges Geld zu verdienen ist. Das ist bei Anke Hubers Papa, der auf das Geld der Tochter aufpaßt, nicht anders als bei Leo Kirch und jedem Sportler mit Herz und Sinn. Wer in Sydney startet, ist also ein Sozialhilfesportler. Übrigens, der Australier versprüht auch nicht unbedingt Euphorie. Schon seit geraumer Zeit hauen immer mehr ab aus Sydney und Umgebung, weil ihnen das am Herzen liegt, was einen normalen Menschen auszeichnet: Ruhe. Und wo sich der Australier Ruhe verspricht und wie interessant die Olympiade speziell für den Münchner ist, läßt sich schlußendlich auch anhand der abschließenden Tatsache beweisen: Ab Samstag werden garantiert mehr Australier in München auf dem Oktoberfest sein als Münchner in Australien auf der Olympiade.
[Abendzeitung, 14.09.2000]

